Die Zeit von John Dowland - England im 16. Jh.

London

Inhalt dieser Seite:
  • Die politische Lage
  • Elisabethanische Melancholie
  • Die (Lauten-)Musik Englands
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    Das englische Wappen im 16.Jh.

    John Dowland wird 1563 in das sogenannte goldene Zeitalter Englands hineingeboren. So nannte man die Zeit unter Elisabeth I., die fünf Jahre zuvor (1558) zur Königin gekrönt wurde.
    Elisabeth war die Tochter Heinrichs VIII., der 1509 begann England nachhaltig zu prägen. Seine Musikalität (er spielte Blockflöte, Laute und Virginal), sowie seine hohe Bildung und der Umgang mit Humanisten wie Erasmus von Rotterdam sind vielleicht nicht so bekannt wie die Tatsache, dass er sechs Frauen hatte. Nach einer in den Augen der katholischen Kirche nicht legitimen Scheidung Heinrichs von seiner Frau Katharina von Aragon exkommuniziert der Papst Heinrich im Jahr 1533. Ein Jahr später begründet er mit dem Act of Supermacy die anglikanische Kirche.
    Es folgte eine Zeit großer religiöser und politischer Unruhe, die zur Reformation führte, der königlichen Zwangsenteignung von Klöstern und Reichtümern der Kirchen. Nach dem Tod Heinrichs VIII. 1547 wird England unter der Herrschaft einer seiner Töchter Maria I. für fünf Jahre wieder katholisch, bis sie schließlich kinderlos stirbt und ihrer Halbschwester Elisabeth I. den Weg frei macht für das bereits angesprochene goldene Zeitalter. Dass dieser Begriff durchaus berechtigt ist, liegt unter anderem an dem wirtschaftlichen Aufschwung, den England nach dem Friedensvertrag mit Frankreich im Vertrag von Cateau-Cambrésis ab 1559 wiederfuhr. 1566 wurde die erste Börse in London eröffnet und diverse Wirtschaftsgesetze verabschiedet, worauf sich auch die Preise stabilisieren konnten.
    Mit Hilfe des Parlaments lenkt Elisabeth zudem die Kirche auf einen gemässigten Kurs. England kann sich in den folgenden Jahren als einziges Land dem Absolutismus entziehen.
    Die koloniale Expansion Englands dieser Zeit führte zugleich zu großen kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem erzkatholischen Spanien. Ein groß angelegter Invasionsversuch der Armada wurde 1588 durch die englische Seemacht unter Francis Drake niedergeschlagen.
    England wuchs während der 44-jährigen Herrschaft Elisabeths zu einer bedeutenden Weltmacht, trotz späterer Spannungen im Land u.a. aufgrund des verlustreichen und blutigen, sowie kostenintensiven Kriegs gegen Irland, der erst im Todesjahr der Königin 1603 beendet werden konnte.
    Nachfolger der kinderlos gebliebenen Elisabeth wurde Jakob I, der erste König der Stuarts. Er beendete somit die lange Tradition der Herrscher aus der Familie der Tudors. 

    • Elisabethanische Melancholie

    In dem Abschnitt über das Leben John Dowlands wurde bereits auf seine häufigen Zustände von Melancholie hingewiesen. Stücke wie Lachrimæ, Semper Dowland Semper Dolens, oder die Melancholy Galliard zeugen von dieser Stimmung.
    Melancholie war im elisabethanischen England ein nur allzu gegenwärtiges Phänomen, das neben den Ärzten auch die Philosophen zu heilen und erklären versuchten. Während heutzutage der Begriff der Melancholie in der Psychoanalyse als das Endstadium einer schweren Depression gilt, beinhaltet der Begriff im 16. Jh. neben dieser Schwere auch leichte psychische Misstimmungen. Das wohl bedeutendste literarische Werk zur Melancholie verfasste Robert Burton (1577 - 1640) zu Lebzeiten Dowlands in seinem Werk The Anatomy of Melancholy, das 1621 erschien. Hier einige Auszüge:1

    Inamoratos

    "Zahlreich und verschieden sind die Mittel, die die Philosophen und Ärzte verschrieben haben, um ein betrübtes Herz aufzuheitern, um abzulenken von jenen komplexen und intensiven Sorgen und Nachdenken, die diese Krankheit so sehr auszeichnen; aber meiner Meinung nach ist nichts so gegenwärtig, nichts so mächtig, nichts so angemessen wie ein starkes Getränk, Fröhlichkeit, Musik und gute Gesellschaft."

    "Viele Menschen werden melancholisch durch das Musikhören, jedoch ist es eine angenehme Melancholie, die die Musik hervorruft; und daher ist sie für diejenigen unzufriedenen, Kummer leidenden, ängstlichen, sorgenvollen oder niedergeschlagenen Menschen ein höchst angenehmes Heilmittel."

    "Musik mildert die Furcht und Wut, besänftigt das Schreckliche, lindert die Schwere, und den Schlaflosen bringt sie Ruhe; sie nimmt einem den Groll, und den Hass, sei es instrumentale Musik, Gesang, mit Streichern, Bläsern, etc.; sie heilt alle Verdrießlichkeit und Schwere der Seele."

    Diese Art der Romantisierung von Melancholie als eine Art Mode der Zeit war neben der Musik auch in der Literatur weit verbreitet.
    Weniger romantisierend analysiert G.B. Harrison in seiner Bearbeitung von Nicholas Bretons Melancholike Humours die elisabethanische Melancholie. Demzufolge begann sich die allgemeine Stimmung im Lande insbesondere ab 1588 zu verschlechtern; in dem Jahr, in der die spanische Armada besiegt wurde. Die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, u.a. mit Irland und die Angst vor Tod und Armut schürten demnach vielerorts die Depressionen im Volk.2
    Kriege und Armut prägten die Gesellschaften jedoch auch (und besonders) im Mittelalter. Dennoch ist zu keiner Zeit vor oder nach Elisabeth die Melancholie im Volk so zu einem eigenen Phänomen geworden.
    Warum also litt gerade das elisabethanische England derart an diesen pessimistischen Weltsichten?
    Eine mögliche Antwort mag in dem sich verändernden religiösen und kulturellen Weltbild liegen. Das England des 16. Jh. befand sich auf der Grenze zu einer Selbstendeckung der Persönlichkeit, die zuvor nicht gekannt wurde. Der mittelalterliche Mensch hatte noch kein Gefühl für Individualität entdeckt. Sein Schicksal war das einer bäuerlichen Klasse, die kollektiv auf die Auflösung der diesseitigen Qualen und Leiden im Jenseits hoffte und vertraute. Die starke Dichotomisierung von irdischem Leid auf der einen Seite, und Erlösung im Jenseits auf der anderen Seite, war im Sinne der Prädestinationslehre unantastbar und als unveränderbares Schicksal von Gott gegeben, das jeden Menschen der Bevölkerung ereilen wird, sei es der einfache Bauer oder der Hochadel. Jeden ereilt letztendlich das gleiche Schicksal am Ende seines Lebens.
    Von diesem Weltbild und der Definition des eigenen Zustandes beginnt sich der Mensch des 16. Jh. langsam aber deutlich zu lösen. Er entdeckt seine Individualität in sämtlichen Beziehungen. Sei es die Entwicklung einer Individualität vor sich selbst, vor den anderen, vor Gott oder vor dem Tod.
    Der Mensch ist nicht länger eingebettet in ein Kollektiv, das nicht unterscheidet zwischen Körper und Geist und dem Schicksal des Einzelnen und der Masse.
    Der Mensch wird sich selbst überlassen sein Leben zum Gottgefallen zu gestalten. Die Erwartung des Todes ist nicht länger die Sehnsucht auf ein sicheres Heil im Jenseits. Jeder einzelne Mensch bleibt bis zu seinem Tod im Ungewissen, ob er laut Prädestionationslehre zu den Auserwählten gehört, denen die Unsterblichkeit nach dem Tod geschenkt wird oder nicht. Es bleibt lediglich die Angst vor dem Ungewissen, vor dem Leid, und dem Tod als mögliches Tor zur Hölle, mit der jeder allein gelassen wird.
    Neben den politischen, religiösen und kulturellen Ursachen kommen weitere, auf den ersten Blick profane Ursachen hinzu. So weist Dr. Timothy Bright 3 auf die allgemein rauhen Zustände der elisabethanischen Zeit hin. Man denke allein an die vielen Seuchen bzw. die Pest, die Tausende Menschen elendig hinrafften. Die hygienischen Verhältnisse waren ausgesprochen schlecht. Neben der Gelbsucht, sind Verdauungsstörungen und die mangelnde Zahnygiene weitere nicht verkennende Ursachen für das Leidgeplagte und melancholische elisabethanische England.4 

    • Die (Lauten-)Musik Englands

    Das im vorigen Kapitel besprochene Selbstbewusstsein, das der Mensch im 16. Jh. für sich entdeckt, hatte zweifelsohne eine enorme Auswirkung auf die Musik dieser Epoche in ganz Europa. In der Musik der Renaissance etablierten sich auf harmonischer Ebene neben den perfekten Klängen, also den Oktaven, Quinten und Quarten auch die sogenannten imperfekten Klänge, also Terzen und Sexten als gleichberechtigte Intervalle. Neben der sich durchsetzenden homogenen Mehrstimmigkeit etablierte sich sowohl in England als auch im übrigen Europa die Klarheit der Textbehandlung.
    In der Vokalpolyphonie entwickelte sich ab dem 15. Jh. der vierstimmige Satz nach den Stimmlagen Sopran, Alt, Tenor und Bass, entsprechend der menschlichen "natürlichen" Stimmlage.
    Eine gewisse Verschmelzung und gegenseitige Beeinflussung verschiedener Stile wird deutlich sichtbar in den großen Formen der Messe, des Magnificat und dem Antiphon. Es entstanden so neue Formen, wie das Einsetzen der Isorhythmik auf den Messzyklus, sowie den Chansonstil auf die Antiphone. Der Cantus Firmus erscheint dabei entweder als freier Tenor oder als Diskantstimme.
    In jener Zeit begann sich der Kult zu Ehren der Jungfrau Maria in der englischen Chormusik auszuweiten. Zu sehen ist dies u.a. an den in Oxforder und Cambridger Colleges allabendlich erklingenden Antiphon-Gesängen oder den Antiphonen zu den Marienfesten.
    Die Texte umfassten neben ihrem liturgischem Inhalt auch Hymnen und neue Dichtungen, die u.a. den häuslichen Andachtsbüchern (Book of Hours) entnommen wurden. Von dieser Zeit an wurde die Bezeichnung Antiphon (Anthem) auf alle derartigen Kompositionen, seien es liturgische und außerliturgische, metrische und nicht-metrische, angewandt.
    Ab der Mitte des 15. Jh. entwickelte sich die englische Musik für lange Zeit stetig und gleichmäßig ohne wesentliche Beeinflussung vom Kontinent her und ohne stilistischen Austausch mit ihm.5
    Der kontinentale Einfluss in Form des franko-flämischen Stils taucht in England zunächst in Werken aus der Zeit nach 1520 auf, und nach 1530 vollzieht sich die endgültige Wendung zum durchimitierenden Aufbau und einer weniger koloristischen Melodik. Der wechselseitige Austausch mit kontinentaler Musik und deren Komposition wurde unterstützt durch die Übersiedlungen von franko-flämischen und italienischen Musikern nach England, von denen einige am Hofe blieben.

    Die Herausbildung einer selbständigen Instrumentalmusik, insbesondere auch in der Lautenmusik ist eine weitere wesentliche Entwicklung der frühneuzeitlichen Musik. Besonders beliebt waren die Intavolierungen von Vokalkompositionen, wie Motetten, Chansons, Madrigale, oder später auch zunehmend Tänze, wie Pavanen, Galliarden und Allemanden.
    Zwischen den englischen und den französischen Kompositionen herrschte eine gegenseitige Beeinflussung und ein Austausch der Stilformen. Vor allem übernahmen die englischen Komponisten die Isorhythmik und den kontinentalen Chansonstil.

    In England gewinnt ab dem 16. Jh. die weltliche Instrumentalmusik mehr und mehr an Bedeutung.
    Die Zeit Dowlands, also der Zeitraum von der zweiten Hälfte des 16. Jh. bis etwa 1620 gilt als der Höhepunkt englischer Musik.
    Obwohl man zwar gemein hin von englischer Musik spricht, muss beachtet werden, dass sich die Musik fast ausschließlich auf das Zentrum, London, konzentriert.6 Viele der besten Musiker standen im Dienste der Chapel Royal, der Westminster-Abbey, der St. Pauls-Cathedral oder der königlichen Kapellen. Weitere wichtige musikalische Institutionen waren neben dem königlichen Palast St. Peter und St. Stephan.
    Die sich stark für Kunst und Musik einsetzenden Herrscher aus dem Hause Tudor (Heinrich VIII, Elisabeth I. u.a.) holten sich berühmte Meister wie William Byrd oder Thomas Morley an den Hof.
    Keine andere englische Stadt konnte sich in jener Zeit in musikalischer Hinsicht mit London messen.

    John Dowland, Robert Johnson, A. Ferrabosco II. und Coperario schufen während ihrer Zeit am englischen Hofe in Zusammenarbeit mit Ben Jonson und Inigo Jones die unter Charles I. fast jährlich veranstalteten verschwenderischen "Court Masques", in der Musik zu Schauspielen und unterhaltsamen Lustspielen dargeboten wurde.7 Diese Aufzüge und Spiele bei Hofe gingen zurück auf Heinrich VII., der am Ende seiner Regierungszeit den italienischen Renaissancehöfen nacheifernd neue weltliche Lieder, die zwischen 1500 und 1530 erscheinen am Hofe etablierte, um das künstlerische Leben am Hofe weiter auszugestalten.
    Als Unterhaltung bei Tisch waren besonders nach italienischem Vorbild Madrigale oder Kanzonetten beliebt, sowie die englischen Songs und Ayres, sowie Kompositionen für Violen-Consort.
    Die ersten englischen Übersetzungen italienischer Madrigale gab Nicholas Yonges 1588 in seinem Werk Musica Transalpina heraus.
    William Byrd Thomas Morley war 1594 der erste Komponist, der englische Madrigale veröffentlichte. Das englische Madrigal war weniger künstlich als das italienische. Es war einfacher im Text, schlichter in der Harmonik und liedhafter in der Melodieführung.
    Die englischen Ayres zeichnen sich durch ihre schlichte Melodik und den natürlichen rhythmischen Fluss aus, der sie zu einer ganz besonderen Gattung englischer Musik werden lässt. Zu den Hauptkomponisten gehören neben William Byrd Thomas Morley, John Dowland, Thomas Weelkes, Thomas Thomkins, John Wilby und Orlando Gibbons.
    Ab dem Jahr 1630 etwa war die Zeit des Madrigals allmählich vorbei. Die Masque-Musik von Lawes, Locke, C. Gibbons und N. Lanier, der 1625 in Italien gewesen war, zeigt sich bereits stark vom italienischen deklamatorischen Stil beeinflusst.
    Zu dieser Zeit begannen auch die einst beliebten englischen Tänze seltener zu werden. Ab 1600 efreuten sich bereits modernere französische Tänze wie Courante oder Volte großer Beliebtheit.

    Die englische Lautenmusik hatte im 16. Jh. ihre Blütezeit. Den Grundstein legte Kingston im Jahre 1574, als er die französische Tabulatur in England einführte mit seinem Werk A briefe and plaine instruction to set all Musicke of eight diverse tunes in tableture for the Lute, einer Übersetzung von Adrian Le Roys Instrucion aus dem Jahr 1551.
    Die Reihe der kompositorisch tätigen Lautenisten wird 1596 von William Barley mit seinem Werk A new Booke of Tabliture eröffnet. Ein Jahr darauf erscheint Dowlands First Booke of Songes or Ayres. John Dowland prägte die Lautenmusik zu dieser Zeit derartig, dass das Madrigal mit Lautenbegleitung eine beliebte Gattung für viele englische Komponisten war. Bestes Beispiel ist Thomas Morley, der mit seinen Canzonets 1597, Ayres, or little short songes to sing and play to the lute with the basse-viol 1600 und dem Sammelwerk Consort lessons, made by divers exquisite authors for 6 instruments to play together, viz. the treble-lute, the pandora, the citterne, the basse-viol, the flute and treble-viol 1599 bedeutende Werke schuf.
    Des weiteren sind die folgenden Lautenisten als die wichtigsten dieser Zeit zu nennen:
    Robert Jones (1600, 1601, 1609, 1611), Philipp Rosseter (Booke of Ayres 1601, Lessons for Consort 1609), Thomas Campion (Booke of Ayres 1601, Ayres 1606), John Danyel (Songes for the lute, viol and voice 1606), William Corkine (Ayres to sing and play to the lute and Bass-viol 1610, The second booke of Ayres 1612), Robert Taylour (Sacred hymns 1615), sowie die Lehrwerke Thomas Robinsons (The schoole of musicke 1603) und Robert Dowlands (Varietes of Lute-lessons 1610).
    Das Lautenspiel dauerte in England bis zur Mitte des 18. Jh. fort. Die letzten Hoflautenisten der königlichen Kapelle Londons waren noch bis zu Händels Zeiten angestellt. 




    1) Übersetzungen von Iwen Schmees aus:
    Burton, Robert: The Anatomy of Melancholy. Oxford 1621.

    2) Vgl. Poulton, Diana: John Dowland. New an revised Edition, London 1982, S.77.

    3) Bright, Timothy: A Treatise of Melancholy. London 1586 / 1613.

    4) Vgl. Poulton, Diana: John Dowland. New an revised Edition, London 1982, S. 77.

    5) Vgl. Harrison, Llewellyn: England. in: MGG Bd. 03, S. 1374, 1986.

    6) Vgl. Bruger, Hans Dagobert: Schule des Lautenspiels. Wolfenbüttel 1926, S. 22.

    7) Vgl. Tilmouth, Michael: London. in: MGG Bd. 08, S. 1147, 1986.